
ESF-Modellprojekt "Pflege und Begleitung"
Zweiter Transfer-Workshop in Potsdam
Anfang März 2026 fand ein zweiter Transfer-Workshop des Modellprojektes „Arbeitsbegleitende Professionalisierung im Bereich Pflege und Begleitung“ in Potsdam statt.
Auf dem ersten - zur Halbzeit im Mai 2025 - hatte das SCSD-Team aus Bernt Renzenbrink, Dr. Steffi Badel und Prof. Joachim Ludwig die Methodik vorgestellt, mit deren Hilfe Pflegehilfskräfte ausgewählte Fälle analysieren.
Nunmehr - in der Schlussphase - ging es um die Rolle „betrieblicher Berater_innen“, die geschult wurden, kollegiale Beratung dauerhaft im Senioren-Wohnen zu etablieren, unterstützt von einem Handbuch, das Anleitungen und Erkenntnisse aus dem Modellvorhaben in den brandenburgischen Pflegealltag „transferieren“ will.
Das zweijährige Projekt (01.06.2024 bis 30.05.2026) wurde vom Land Brandenburg als soziale Innovation aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanziert.
Über Pflege werde hierzulande viel gesprochen. Nicht aber über Pflegehilfskräfte, die den Bewohner_innen in der Altenpflege am nächsten sind, bedauerte Dr. Steffi Badel. Deren Tätigkeitsprofil, Ausbildung oder gar Berufserfahrung beschäftige die öffentliche Debatte allenfalls am Rande.
Wenigstens von ihren Kolleg_innen wünschte sich deswegen Katja Ullmann, die Leiterin des Kursana Domizils in Potsdam, dass sie sich mehr für die eigene Qualifizierung interessieren und beispielsweise In-House-Angebote wie die ESF-Workshops annehmen.
Neuartiges Gesprächsformat einüben
Anfangs mag sicher die Skepsis als Barriere querliegen, ob sich ein ungewohntes, nicht eingeübtes Gesprächsformat wirklich als hilfreich erweist und vor allem als vertraulich.
Diejenigen, die es ausprobiert haben, bestätigen ja, Zeit benötigt zu haben, sich darauf einzulassen, in einer Mitarbeiter_innen-Runde subjetiv belastende Momente anzusprechen und fachlich aus verschiedenen Blickwinkeln zu erörtern.
Doch recht bald spürten sie, wie positiv die Atmosphäre eines geschützten Raumes wirkt. Und sie empfanden es als wertschätzend, endlich einmal über sich selbst reden zu dürfen.

Themen aus dem Pflegealltag aufgreifen
Denn sie tragen Verantwortung, ohne Befugnisse zu haben. Garantieren Qualität, wenn auch unter Zeitdruck. Lassen sich emotional auf Personen ein, die sie intensiv pflegen und von denen sie sich absehbar wieder verabschieden müssen.
All dies bringt Konflikte mit sich: u.a. Erschöpfung des Mitgefühls, Streit mit und unter Bewohner_innen, Angehörigen und Kolleg_innen sowie Krankmeldungen in der Belegschaft oder Integration nicht-deutscher Mitarbeiter_innen.
Genau da setzt das Konzept des SCS-Diakonie an, eine Mischung aus Supervision und Fortbildung anzubieten. Die Teilnehmenden absolvierten je 25 Workshops (100 Stunden) – und das während der Arbeitszeit und an ihrem Dienstort.

Miteinander und voneinander lernen
Sie selbst wählten Beispiele ihres stationären Alltags aus, anhand derer sie kritische Situationen, Schwächen und Emotionen, erlernte Abläufe und eingeübte Tätigkeiten durchleuchteten. Filterten Kernthemen, die es zu vertiefen galt. Zogen theoretisches Fachwissen zu Rate, bevor sie Handlungsalternativen erarbeiteten.
Kurz: sie lernten miteinander und voneinander (Peer to Peer).
Es ging darum, zum einen die Kompetenz beruflicher Quereinsteiger_innen - ob mit und ohne Schulabschluss oder Ausbildung - zu stärken, sie also zu professionalisieren, zum anderen eine weiterführende Ausbildung zu Helfer_innen und Assistent_innen in der Pflege älterer oder behinderter Menschen anzuregen.

Vom Lehren aufs Zuhören umschalten
Didaktisch bedeute dieser Ansatz, vom Lehren aufs Zuhören umzuschalten, betonte Prof. Joachim Ludwig. Nicht die Wissensvermittlung, sondern die Anliegen von Ratsuchende stünden im Mittelpunkt.
Weshalb er empfiehlt, sich konsequent an der Methodik einer schrittweise Fallanalyse zu orientieren – vom Erzählen und Nachfragen übers Reflektieren bis zur Suche nach Lösungen. So entstehe ein Wechselspiel von empathischem und analytischem Zugang, von Praxis und Theorie.
Betriebliche Berater_innen koordinieren und moderieren
Ebenso wurden im Rahmen des Modellprojektes „betriebliche Berater_innen“ ausgebildet. Künftig übernehmen sie vom externen Projektteam die Aufgabe, Workshops zu moderieren, dabei gegebenenfalls ihre Rolle zu variieren: vom empathischen Zuhörer zur Expert_in, die punktuell Wissen vermittelt oder Lösungen aufzeigt.
Beraten heiße trotzdem nicht, warnte Prof. Ludwig nochmals, Fachkompetenz auszuspielen. Vielmehr wäre es am besten, ergänzte Hannah Faensen (Die Ursulinen gGmbH, Neustadt/Dosse), Berater_innen verstünden sich als Gleiche unter Gleichen.
Darüberhinaus obliegt es ihnen, „arbeitsbegleitende Professionalisierung“ im Betrieb einführen und langfristig zu organisieren, bedarfgerecht zu gestalten und pragmatisch im Arbeitsalltag unterzubringen – etwa zwischen Dienstbesprechungen und Fortbildungen.

Handbuch transferiert das Modell in die Praxis
Für diese Aufgabe eignen sich nicht allein Führungskräfte, sondern auch erfahrene Pfleger_innen, vor allem Praxisanleiter_innen in der Pflege, die schon bisher Auszubildende, Praktikanten und Pflegefachkräfte eingearbeitet und begleitet haben.
Beides – die Methodik kollegialer Beratung wie die Rolle betrieblicher Berater_innen – beschreibt ein Handbuch, welches das Modellprojekt als Praxisanleitung hinterlässt.
Es zeichnet den zweijährigen Prozess arbeitsbegleitender Professionalisierung aus den 67 Workshops mit 300 Teilnahmen nach. Und dokumentiert zehn Fälle ausführlich sowie zusätzlich 20 Kernthemen rund um Kommunikation und Arbeitsorganisation - solche, die immer wiederkehrten.
