Foto: Offizielles Plakat des ESF-Modellprojektes "Arbeitbegleitende Professionalisierung in der Pflege"

 

Inklusives Lernen

Arbeitsbegleitende Professionalisierung

im Bereich Pflege und Begleitung

 

Helfer_innen übernehmen einen Gutteil der Arbeit in der Pflege. Oft stehen sie den Menschen, die sie betreuen, näher als ausgebildete Fachkräfte. Doch wird wenig über sie gesprochen, wenig über ihre Aufgaben, Leistungen oder Erfahrungen.

Sie spüren dies und vermissen Wertschätzung. Gleichzeitig scheuen sie sich, viel Aufhebens um sich zu machen. Denn als Seiteneinsteiger sind sie zwar durch den Alltag in Krankenhäusern, Pflegeheimen und ambulanten Diensten geschult, aber nicht dual ausgebildet, also nicht theoretisch und praktisch.

Eine solche Perspektive zeigt die neue Ausbildung zur Pflegefachassistenz (ab 2027: 12 bis 18 Monate) auf – neben der herkömmlichen zur Pflegefachkraft (36 Monate). Allerdings lernen viele nicht fachlich gebildete Berufstätige lieber aus der Praxis als an „Schulbänken“.

Sprachliche und fachliche Kompetenz erweitern

Deswegen wählt arbeitsbegleitende Professionalisierung gezielt den Weg über selbst erlebte Pflegesituationen, um sprachliche wie fachliche Kompetenz zu erweitern. Sie unterstützt Pflegekräfte, erlernte Abläufe und eingeübte Tätigkeiten nicht nur pragmatisch zu wiederholen, sondern auch zu analysieren, Handlungsalternativen zu erkennen und Praxiswissen mit fachlich-wissenschaftlicher Theorie abzugleichen.

Was gegebenenfalls anregt, eine Grundbildung (Lesen, Schreiben, Verstehen) nachzuholen, die Fremdsprache Deutsch zu vertiefen oder sich für eine weiterführende berufliche Bildung zu interessieren. Was aber vor allem das Pflegeteam im Selbstbewußtsein stärkt, das Potential zu besitzen, einzeln und gemeinsam Probleme lösen zu können.

 

Ansicht des Flyers des ESF-Modellprojektes Arbeitsbegleitende Professionalisierung

 

Kollegiale Beratung einüben

Mit kollegialer Beratung wird ein Gesprächsformat eingeübt, das sich methodisch von anderen unterscheidet, etwa von Dienstbesprechungen. Es schafft einen geschützten Raum für einen vertraulichen Gedankenaustausch.

Jede und jeder Teilnehmende schlägt ein Geschehen aus dem Pflegealltag vor, das als bemerkenswert, kritisch oder belastend empfunden wurde. Die Vorschläge werden gesammelt, sortiert und nacheinander aufgerufen – während einer oder mehrerer Sitzungen.

Miteinander und voneinander lernen

Die Fallbesprechung bewegt sich diszipliniert entlang einer festgelegten Folge aus acht Arbeitsschritten (Arbeitsmodell): Erzählen und Nachfragen, Hineinversetzen und Perspektiven-Wechseln, Kernthemen-Entdecken und Fachwissen-Hinzuziehen, Handlungswege-Aufzeigen und Einsichten-Reflektieren.

Im Mittelpunkt steht der jeweils Ratsuchende mit seinem Fall und seinem Anliegen, nicht ein Anweisen, Belehren oder Besserwissen durch Andere. Es geht darum, miteinander und voneinander zu lernen (Peer to Peer).

 

Mitglieder des Projektteams beimTransferworkshop

 

ESF-Modellprojekt entwickelt

Dieses Konzept entwickelte ein Team aus Bernt Renzenbrink und Dr. Michael Kühne (SCS-Diakonie), Dr. Steffi Badel (Institut für Erziehungswissenschaften der Humbolt-Universität zu Berlin) und Prof. em. Dr. Joachim Ludwig (Universität Potsdam) im zweijährigen Modellprojekt „Arbeitsbegleitende Professionalisierung im Bereich Pflege und Begleitung“ (01.06.2024 bis 31.05.2026).

Es wurde vom Senior Consulting Service Diakonie getragen und vom Land Brandenburg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds für soziale Innovationen in der Arbeitspolitik finanziert.

Partner des Modellprojektes waren die Lafim-Diakonie für Menschen im Alter gGmbH Oranienburg und die Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, die Caritas Altenhilfe gGmbH Velten und Die Ursulinen Neustadt/Dosse, die Emvia Living Gruppe Hennigsdorf, die Kursana Domizil Gruppe Potsdam und die Katharinenhof Gruppe Falkensee - mit elf Tagespflege- und Wohneinrichtungen in Potsdam und den Landkreisen Havelland, Ostprignitz-Ruppin, Oberhavel, Barnim und Spree-Neiße.

Workshops für Pflegeteams durchgeführt

Die mitwirkenden Pflegeteams führten durchschnittlich zehn kollegiale Beratungen von zwei bis vier Stunden Dauer durch. Dabei wechselte die Zahl der Teilnehmenden zwischen 2 und 15 Personen. Insgesamt wurden 442 Teilnahmen an 73 Workshops gezählt.

Über die eigentliche Zielgruppe der Pflegehelfer_innen hinaus beteiligen sich im Projektverlauf auch Pflegefachkräfte, Pflegeassistent_innen, Pflegedienstleitungen, Betreuungskräfte, Physiotherapeut_innen sowie Mitarbeitende aus Verwaltung, Küche und Technik an den Fachbesprechungen und gaben so den Einsichten eine größere Breite.

Parallel dazu wurden examinierte Fachkräfte als betriebliche Berater_innen geschult. Sie übernahmen im Anschluss an das Modellprojekt die Aufgabe, arbeitsbegleitende Professionalisierung durch kollegiale Beratung auf Dauer betriebsintern anzubieten, d.h. zu organisieren und zu moderieren.

 

Szene aus Workshop des ESF-Modellprojektes

 

Wirkung der Fallanalysen erfragt

Um zu ermessen, wie die Ergebnisse der Fallanalysen auf die Pflegepraxis rückwirkten, lud das Projektteam zu drei Feedbackrunden ein.

Obschon anfangs skeptisch, lernten die Teilnehmenden die vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre im Kollegenkreis zu schätzen. Nicht leicht fiel ihnen jedoch, über sich zu erzählen, lange zuzuhören oder sich in andere Personen und Rollen hineinzuversetzen.

Aus der Praxis für die Praxis gelernt

Im Laufe der Zeit gelang es ihnen immer mehr, kritischen Pflegesituationen offen und unvoreingenommen zu begegnen, das soziale Umfeld und die Perspektiven der Beteiligten zu berücksichtigen, dadurch Angst oder Stress zu vermindern.

Als großen Nutzen bewerteten sie es, gemeinsam erlebte Ereignisse aufzuarbeiten und danach mit neuem Wissen künftige Pflegearbeit anzugehen. Auf diese Weise hat sich auch die Kommunikation im Team und das Arbeitsklima verbessert. Sie verstanden kollegiale Beratung als persönliche Bereicherung und Teambildung, weniger als Ansporn zur Weiterbildung.

Blieb nur das Bedauern übrig, dass es personelle Engpässe nicht erlauben, regelmäßig an kollegialen Beratungen teilzunehmen oder dafür Termine anzusetzen.

Projektergebnisse öffentlich vorgestellt

Das Land Brandenburg dringt darauf, die Ergebnisse von ihm geförderter Projekte einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Dem folgend veranstaltete das Projektteam zwei Transfer-Workshops in Potsdam (16.05.2025, 02.03.2026) und nahm als Gäste an der Fachtagung „Soziale Innovationen – Impulse für die Arbeitspolitik“ der Wirtschaftsförderung des Landes Brandenburg (10.10.2025) teil.

Außerdem ließ es sich durch einen Beirat begleiten, dem Vertreter_innen des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, des Caritas-Verbandes für das Erzbistum Berlin, des Arbeitgeberverbandes Pflege, der Transferstelle Soziale Innovation und des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes Brandenburg angehörten.

Handbuch herausgegeben

Und schließlich hielt das Projektteam sein Konzept arbeitsbegleitender Professionalisierung im „Handbuch Beratung von Pflegesituationen“ fest, das vom SCS-Diakonie digital über seine Webseite vertrieben wird.

Es skizziert das Arbeitsmodell kollegialer Beratung, dokumentiert beispielhaft die Analyse von 15 typischen Fällen des Pflegealltags und beschreibt die Aufgaben wie die Rolle betrieblicher Berater_innen.

 

Mitglieder des Projektteams auf Fachtagung des Landes Brandenburg

 

Themenfeld Inklusives Lernen

Arbeitsbegleitende Professionalisierung ist das dritte Konzept des SCS-Diakonie im Themenfeld „Inklusives Lernen“.

Zunächst entwarf er in einem ESF-Entwicklungsprojekt (April bis September 2020) das Programm für eine Inklusive Akademie im Landkreis Oberhavel. Sie qualifiziert und vermittelt Menschen mit Behinderungen gezielt für Stellen auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Inklusive Akademie Oberhavel

Die Evaluation ergab, dass es erfolgverspechend ist, sich auf die Arbeitsfelder der „Assistenz von Personen mit Pflege- und/oder Betreuungsbedarf“ zu konzentrieren. Einerseits kommen sie dem persönlichen Potential der Arbeitsuchenden entgegen. Andererseits besteht eine große Nachfrage nach qualifizierten Pflegekräften.

Doch auch bereits Beschäftigten fällt es schwer, sich im beruflichen Umfeld weiterzuentwickeln, sofern sie gering literalisiert sind, also nicht genug lesen, schreiben und verstehen können. Erst recht nicht, wenn Deutsch für sie eine Fremdsprache ist.

Fehlt dem Arbeitgeber Interesse und Initiative, solche Handicaps anzugehen, erreichen diesen Personenkreis nicht einmal die Kursangebote von Volkshochschulen und Grundbildungszentren.

Grundbildung im Betrieb

Darauf ging – erneut im Landkreis Oberhavel – das nächste ESF-Projekt „Förderung der Alphabetisierung und Grundbildung in Betrieben“ (Juli bis Dezember 2021) ein.

Es brachte regionale Anbieter beruflicher Grundbildung mit bildungssensiblen Unternehmen zusammen und hielt engen Kontakt zu Jobcentern sowie Industrie- und Handelskammer. Daraus entstand ein unterstützendes Netzwerk von 20 Betrieben, die 392 Arbeitsplätze in den Berufsfeldern Pflegeassistenz und Betreuung, Hauswirtschaft und Küche, Hausmeisterdienste, Reinigung und Gartenpflege ausweisen.

Inklusives Lernen zielt darauf ab, Arbeitnehmer*innen, die nur eingeschränkt oder überhaupt nicht lesen und schreiben können, einzubinden und zu motivieren, zugleich die betriebliche Bildung für die gesamte Belegschaft neu auszurichten.

Lernen aus und mit Betriebsabläufen

Themen ergeben sich aus Betriebsabläufen: Informationsfluss und Dokumentation, Sicherheit und Qualität am Arbeitsplatz, digitale und technische Anforderungen, struktureller Wandel. Sie sind – unterschiedslos – für alle Mitarbeitenden von Interesse.

Dies erprobten Mitarbeitende sozialer Unternehmen während des Folgeprojekts „Innovation durch Inklusion – Verbesserung der Grundbildung in Betrieb und Lebenswelt“ (August 2022 bis Februar 2022), ebenfalls vom Land Brandenburg finanziell gefördert. Sie wählten als Beispiele ein Demenzkonzept, einen Alphabetisierungskurs und eine Pflegedokumentation aus.

Ergänzend wurde ein Programm zur individuellen Weiterbildung gemeinsam mit der örtlichen Volkshochschule aufgelegt und von ihr in der Folge angeboten.

BasisKompetenzCheck

Zwei Instrumente der Bildungorganisation „Arbeit und Leben Berlin-Brandenburg“ unterstützten diesen Prozess.

Für den BasisKompetenzCheck wurden Mitarbeitende zu Arbeitsabläufen, persönlichen Ressourcen und Kompetenzen interviewt, dadurch „Lücken“ entdeckt und der Bedarf an Weiterbildung und organisatorischen Änderungen ermittelt.

Der BetriebsCheck rundete die Bestandsaufnahme ab, indem er Führungskräfte, Mitarbeiter*innen der Personalabteilung und Mitglieder der Arbeitnehmervertretung einbezog.

 

Poster: Beschreibung des ESF-Projektes Pflege