Neuerscheinung Juli 2026
Handbuch
Beratung von Pflegesituationen
geschrieben von
Steffi Badel, Joachim Ludwig und Bernt Renzenbrink
mit Zeichnungen von Dominique Kleiner
entstanden im
Programm „Soziale Innovationen Brandenburg“,
Modellprojekt „Arbeitsbegleitende Professionalisierung
im Bereich Pflege und Begleitung“, 01. Juni 2024 bis 31 Mai 2026
gefördert durch
das Land Brandenburg und den Europäischen Sozialfonds (ESF)
herausgegeben vom
Senior Consulting Service Diakonie
Berlin/Leipzig, 2026, 87 Seiten, eBook

Arbeitsbegleitende Professionalisierung richtet sich an Pflegehelfer_innen, also nicht oder nur geringfügig ausgebildeten Mitarbeitenden. Ihnen will sie vor allem gerecht werden. Zugleich bezieht sie, wo gewünscht, das ganze Pflegeteam ein – und damit verschiedene Berufsguppen.
Anders das Handbuch. Es wendet sich an leitende Pflegekräfte, Personalverantwortliche und Geschäftsführende. Ihnen stellt es eine Methode vor, berufliche Bildung wie betriebliche Qualität zu sichern. Denn sie entscheiden darüber, ein Instument wie kollegiale Beratung in den Pflegealltag ihres Betriebes einzuführen und regelmäßig zu nutzen – und dabei die Rolle von Mittler_innen einzunehmen.
Gesprächsformat
Kollegiale Beratung unterscheidet sich von Gesprächen in Teeküchen oder Dienstzimmern, von der Übergabe zum Schichtwechsel, der Dienstbesprechung, von Gesprächen zur Zielvereinbarung oder mit der Mitarbeitervertretung, von Versammlungen der Belegschaft oder von Projekten und Seminaren.
Sie hat ihr eigenes Format. Es mag für jene, die es beruflich nicht kennen, ungewohnt sein. Nicht nur deswegen muss es von jedem Team trainiert werden.
Denn seine Regeln versprechen, einen geschützten Raum und dadurch Vertrauen unter den teilnehmenden Kolleg_innen entstehen zu lassen. Und sie geben der Fallbesprechung eine Folge von acht Schritten vor, die konsequent einzuhalten sind: von der Auswahl des Themas über das Verstehen eines Problems bis zum Aufzeigen von Lösungen.
Im Mittelpunkt des Gedankenaustausches steht der jeweils Ratsuchende und sein Anliegen. Auf seine Fragen gilt es zu antworten, dabei miteinander und voneinander zu lernen, nicht einander zu belehren.
Denn jede und jeder aus der Runde, so erfahren und qualifiziert sie auch sind, nimmt nacheinander die Rolle der oder des Ratsuchenden ein, um eine Pflegesituation, die sie als kritisch empfunden haben, persönlich wie fachlich aufarbeiten.
Arbeitsbegleitende Professionalisierung
Die Methode greift selbsterlebte Pflegesituationen auf. Sie entwickelt aus diesen Beispielen ein Lernen aus der Praxis für die Praxis – und dies am Arbeitsplatz, also während der Dienstzeit und im Kreis von Kolleg_innen. Idealerweise setzt sich ein- und dieselbe Gruppe regelmässig für zwei bis vier Stunden zu Fallanalysen zusammen.
Arbeitsbegleitende Professionalisierung erweitert sprachliche wie fachliche Kompetenz. Sie unterstützt darin, erlernte Abläufe und eingeübte Tätigkeiten zu beschreiben und zu analysieren, fachlich-theoretisch einzuordnen und schließlich Alternativen aufzuzeigen.
Didaktisch mischt sie Elemente der Supervision und der Fortbildung. Der praktische Teil aus Erzählen und Verstehen einer Pflegesituation wird durch einen theoretischen angereichert, durch thematisch passendes Fachwissen.

Pflegehelfer_innen
Kollegiale Beratung qualifiziert Mitarbeitende, indem es die Schwelle zu beruflicher Bildung senkt. Gerade Pflegehilfskräfte bevorzugen es, Aufgaben praktisch anzugehen und daraus zu lernen. Als Seiteneinsteiger lassen sie sich eher von Erfahrungswissen als von Fachtheorie leiten und scheuen „Schulbänke“. Deutsch als Fremdsprache und erst recht als Fachsprache erweist sich ihnen als zusätzliches Hindernis.
An dieser Barriere stauen sich Ängste und Stress, Fehler zu machen, diese sich und anderen gegenüber einzugestehen, um Hilfe zu bitten und eigene Grenzen zu erkennen. Das macht unzufrieden, besonders wenn es zu Konflikten mit Kolleg_innen, Patent_innen oder Bewohner_innen führt.
Kollegiale Beratung hilft, sich auszudrücken und zu entlasten, zu verstehen und Neues zu erfahren. Sie lädt ein, eine Pflegesituation von allen Seiten zu betrachten – empathisch wie nüchern. Und stärkt das Selbstbewußtsein, einzeln und gemeinsam Probleme lösen zu können. Am Ende macht sie neugierig auf weiterführende berufliche Bildung.
Betriebliche Berater_innen
Das Handbuch richtet sich an Leitende und Fachkräfte der Pflege. Insbesondere an jene, die Kolleg_innen in der Aus- und Weiterbildung oder neu eingestellte Mitarbeiter_innen in der Anfangsphase begleiten. Vielleicht haben sie die Rolle als Mentor_in bereits eingeübt. Sind es gewohnt, interne Gesprächsrunden zu leiten, oder geschult, Mediationen durchzuführen.
Dann wäre der Schritt nicht weit, sich zu betrieblichen Berater_innen zu entwickeln, zusätzlich eine Aufgabe zu übernehmen, die verwandt, aber anders angelegt ist. Denn Beratende sind nicht Anweisende oder Lehrende, sondern Zuhörende und Anregende.
Sie stehen für die Methodik kollegialer Beratung, erkunden den aktuellen Bedarf, bieten entsprechend Gesprächsrunden oder Workshops an, die sie selbst moderieren. Als Anleitung werden das Arbeitsmodell und 15 typische Fallbesprechungen im „Handbuch Beratung von Pflegesituationen“ beschrieben.

Führungskräfte
Geschäftsleitungen erhalten ein weiteres Instrument, Personal und Organisation zu entwickeln. Kollegiale Beratung deckt kritische Punkte auf, fördert die Analyse und die Suche nach Lösungen, macht zugleich Stärken und Erfolge bewusst – dem Einzelnen, den Teams und dem Betrieb insgesamt.
Sich mündlich und schriftlich um eine einfache Sprache zu bemühen, hilft allen Personen, die dort arbeiten oder leben, nicht nur jenen mit einem oder mehreren Handicaps.
Arbeitsbegleitende Professionalisierung fördert individuelle Qualifizierung und gemeinsame Teambildung. Die Erkenntnisse eines geschulten Gedankenaustausches berühren darüberhinaus Schnittmengen mit anderen Aufgabenbereichen des Unternehmens, wie Aus- und Fortbildung oder Qualitätsmanagement.
Manche Ereignisse und Prozesse wiederholen sich immer wieder. Das spiegeln die 15 Kernthemen, die im Handbuch dokumentiert werden. Dementsprechend lohnt es sich, praktische Vorschläge und Hinweise aus dem Pflegealltag aufzugreifen, um betriebliche Handlungsempfehlungen zu erarbeiten und zu erproben.
Sie beziehen sich beispielsweise auf das Einarbeiten neu eingestellter Kolleg_innen, die Phase der Eingewöhnung eben eingezogener Bewohner_innen, das Schlichten von Konflikten mit und unter Bewohner_innen, Angehörigen und Pflegepersonal oder das Einüben eines ausgewogenen Verhaltens aus Nähe und Distanz, auf einen Notfallplan für personell unterbesetzte Schichten oder das Erfragen von Biographien zum Fördern von Talenten und Fähigkeiten.
Qualität wird dem Pflegealltag nicht geschenkt. Hinter jeder guten Note von Bewohner_innen und Patent_innen, Gästen und Mitarbeiter_innen steht großes Engagement aller Beteiligten. Professionell eingespielten Teams gelingt es leichter, ein angestrebtes Niveau zu erreichen, auf Dauer zu halten und stets zu aktualisieren.
Kollegiale Beratung und arbeitsbegleitende Professionalisierung sind zwei Bausteine für Pflegequalität.
