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Feierstunde des SCS-Diakonie

Ach, Mensch!

Wo wir herkommen und wo wir hingehen

Diakonische Aspekte

 

Seit zwei Jahrzehnten sind die Mitglieder der Senior Consulting Service Diakonie in kirchlichen und sozialen Räumen unterwegs. Als Führungskräfte und Experten aus Kirche und Sozialwirtschaft bringen sie ihre Erfahrungen ein – vor und während des Ruhestandes.  

Sie entwickelten Konzepte für einen inklusiven Betrieb auf einem Pfarrhof oder für die „Außenstelle“ einer Kirchengemeinde im Neubaugebiet, für eine inklusive Akademie, ein gemeinsames Lernen von Menschen mit und ohne Handicap am Arbeitsplatz oder für eine kollegiale Beratung unter Pflegehilfskräften.

Sie begleiteten den Führungswechsel in Sozialbetrieben und das Neuaufstellen einer Stadtmission. Halfen bei der Finanzierung von Vorhaben. Gaben zwei Sammelbände zur Quartiersarbeit von Kirche und Diakonie heraus.

Auf diese gemeinsamen Leistungen blickte Bernt Renzenbrink, Gründungsvorsitzender des SCS-Diakonie, zurück - während einer Feierstunde nach der Jahresmitgliederversammlung am 15.06.2026 in Berlin, moderiert von Dr. Wolfgang Teske, dem Vorsitzenden des Vorstandes.

Berufserfahrene Expertise aus der Wohlfahrtspflege werde gerade in herausfordernden Zeiten gebraucht, betonte Dr. Ursula Schoen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz in einem Grußwort. Besonders dort, wo sie Initiativen, Gemeinden und Sozialbetriebe unterstützt, die sich eine externe Beratung finanziell nicht leisten können.

Wie schnell althergebrachte Werte und diakonische Haltungen herausgefordert werden, wenn sich – wie derzeit - politische und gesellschaftliche Einstellungen und Spielräume gegen soziale Arbeit wenden, beschrieb Klaus-Dieter Kottnik, Präsident der Diakonie Deutschlands i.R., in seinem Festvortrag zum Jubiläum.

 

Dr. Wolfgang Teske, Bernt Renzenbrink, Dr. Ursula Schoen am Rednerpult während der Feierstunde 20 Jahre SCSD, 2026

Blick ins Publikum der Feierstunde 20 Jahre SCSD, 2026

 

Das Motto dieses Vortrags, das ich als Jahresthema des Deutschen Symphonieorchesters gefunden habe, hat mindestens zwei Aspekte. Einen bedrückten, vielleicht auch melancholischen: Ach, Mensch! Und einen zuversichtlichen auffordernden: Ach, Mensch! Je nach Betonung. Ich will mich beiden Aspekten widmen. Ach!

Vor ein paar Tagen hat meine Kollegin Wanda Falk, Generaldirektorin der Diakonie Polens, angerufen mit der Frage, ob ich sie – wie so oft in der Vergangenheit – unterstützen könnte. Sie möchte einen Ferienaufenthalt in Sorkwity organisieren für ukrainische Frauen und ihre Kinder, die nach Polen geflüchtet sind. Die Frauen und die Kinder seien sehr erschöpft und wären dringend auf Erholung angewiesen.

Eine diakonische Bitte aus Polen ...

Sorkwity ist ein schönes Freizeitzentrum in Masuren, wo wir vor einigen Jahren schon Freizeiten für polnische und russische Jugendliche durchgeführt haben. Es ist ein sehr angenehmer Erholungsort. Wanda Falk bat mich, ihr deutsche Geldgeber zu vermitteln. Das haben wir in der Vergangenheit einige Male praktiziert.

Als letztes war es gelungen, vor zwei Jahren eine ansehnliche Summe für die Augenoperation eines polnischen Pfarrers bei verschiedenen kirchlichen Organisationen in Deutschland zu erwirken. Diese Operation konnte in Polen nicht durchgeführt werden, weil es selbst in Deutschland nur in besonderen Kliniken für die spezifische Erkrankung eine Expertise gab. Sie war sehr erfolgreich.

... und nicht gewohnte Absagen aus Deutschland

Dieses Mal machten wir in Bezug auf die ukrainischen Frauen die Erfahrung, dass wir zunächst kein Geld für die Freizeit fanden, weil es in Deutschland in der Kirche und Diakonie erhebliche Kürzungen gibt. Nur Frau Dr. Schoen vom DWBO hat sich jetzt bereit gefunden, nach finanziellen Mitteln Ausschau zu halten. Ich bin sehr froh darüber.

Wir kennen das Thema, dass auf einmal nichts mehr so geht wie vorher. Die Diakonie in Württemberg muss 30% sparen, ebenso die Diakonie Deutschland. Kirchenleitungen unterhalten sich hauptsächlich über das Thema Einsparungen. Und auch an den diakonischen Einrichtungen geht das nicht vorbei.

 

Klaus-Dieter Kottnik während der Feierstunde 20 Jahre SCSD, 2026

 

Kirche und Diakonie im Griff knapper Kassen

Der Stuttgarter Oberbürgermeister Nopper hat in einem Interview die Behauptung aufgestellt, dass Menschen mit Behinderungen im Schlaraffenland lebten. Er hat sich nach meiner Auffassung völlig im Ton vergriffen. Die Eingliederungshilfe steht deutlich im Fokus der Einsparungsdiskussionen in den Kommunen.

Ich kann nicht anders als mich an die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zu erinnern, wo z.B. der damalige Direktor der damaligen Anstalt Stetten deutlich öffentlich hervorhob, dass das Leben von „Behinderten“, wie man damals sagte, überhaupt nicht teuer sei und dass sie viel leisteten.

Politiker gegen Teilhabe und freie Wohlfahrtspflege

Die AfD, die jetzt auch im linksliberalen Berlin auf dem Vormarsch ist, hat die Position, bei der Eingliederungshilfe erhebliche Einsparungen vorzunehmen und auch das Bundesteilhabegesetz zu streichen. In Sachsen-Anhalt will die AfD alle Kirchenzuwendungen streichen und dem System der Freien Wohlfahrtspflege an die Wurzeln.

Selbst bei vielen Gesundheitspolitikern der demokratischen Parteien gibt es mittlerweile wenig Kenntnisse über die Grundlagen unseres Sozialsystems nach dem Subsidiaritätsprinzip. Nicht nur bei uns in Berlin und Brandenburg wird die Refinanzierung  kirchlicher Tarife in Frage gestellt.

Qualität sozialer Arbeit unter Druck

Wir bekommen bestimmte Aufgaben gar nicht mehr, weil nicht die Qualität, sondern die Finanzierung ausschlaggebend ist – und da ist es gleichgültig, wie fachlich kompetent die Arbeit gemacht wird, und welche Erfahrung  vorliegt. So erleben wir das, z.B. als Stephanus Stiftung,  bei den Wohnangeboten für Flüchtlinge mit entsprechender Sozialarbeit.

Ich glaube, wir alle könnten nun eine ganze Reihe von Beispielen anführen, die zeigen, wie rapide und teilweise auch existenzgefährdend die Situation für die diakonische Arbeit sich wandelt. In Kirche und Diakonie hat das Gespräch über das Geld überall die Oberhand gewonnen. Wirklich: Ach, Mensch!

Wo Diakonie herkommt

In solchen unklaren und unsicheren Situationen mit wenig deutlich erkennbaren Perspektiven lohnt es sich, an die Anfänge unserer Diakonie zurückzuschauen. Wenn ich nur an die Arbeitsfelder denke, mit denen ich noch konkret zu tun habe, dann finde ich darin sehr viel Bedenkenswertes.

Schaue ich nur auf die Anfänge der Bahnhofsmission vor über 130 Jahren zurück, dann fasziniert mich einerseits die Menschenliebe, die darin deutlich wird, andererseits der Unternehmergeist.

Aus Menschenliebe zum Unternehmergeist

Der evangelische Pfarrer an der Marienkirche in Berlin, Johannes Burckhart, hat nicht weit entfernt von diesem Ort  am damaligen Schlesischen Bahnhof, dem heutigen Ostbahnhof, einen Blick dafür gehabt, dass junge Frauen, die aus den armen Ostgebieten nach Berlin kamen, um Arbeit und Lebensunterhalt zu finden, sehr gefährdet waren.

Viele wurden schon am Bahnhof mit falschen Versprechungen abgefangen und konnten letztendlich nur in der Prostitution überleben. Mit Frauen aus der Gemeinde hat er Bahnsteigdienste eingerichtet, die diese jungen Frauen in Empfang nahmen und ihnen zunächst ein Dach über dem Kopf und Beratung sowie Vermittlung  anboten.

Beispiel Bahnhofsmission

Aus diesen Anfängen wurde eine Bewegung, die an vielen Bahnhöfen in Deutschland Nachfolge fand. Es ging Johannes Burkhard und den Berliner Frauen um die Chancen für die ankommenden jungen Frauen, es ging ihnen um die Menschen. Ach, Mensch!

Ich lese nirgendwo Klagen über die Finanzierung dieser Arbeit. Wenn ich heute mit einem potentiellen Träger einer Bahnhofsmission rede, geht es immer zuerst um die Finanzen, weniger um die Inhalte der Arbeit.

Ich erlebe das derzeit ganz konkret bei einem Träger. Obwohl sich schon eine größere Reihe von Ehrenamtlichen und auch der Kirchenbezirk engagieren, also die Voraussetzungen sehr gut sind, geht es derzeit nicht weiter, weil die Ökonomin des Trägers auf der Bremse steht.

 

Klaus-Dieter Kottnik und Blick ins Publikum während Feierstunde 20 Jahre, 2026

 

Beispiel Stephanus Stiftung

Die Anfänge der Stephanus Stiftung waren ganz ähnlich. Ernst Gottlieb Georg Behrend, Gefängnispfarrer im Berliner Frauengefängnis in der Barnimstraße, erkannte die Not der Frauen, nach der Entlassung in ein normales Leben zurückzufinden.

Dazu begründete er die Stiftung Bethabara in Berlin Weissensee und erwarb ein Grundstück, um darauf ein Zufluchtsheim für ehemals straffällig gewordene Frauen zu errichten. Es ging ihm primär um die Zukunft der Frauen. Ach, Mensch!

Beispiel Diakonie Stetten

Ein drittes Beispiel: die Anfänge der Diakonie Stetten vor fast 180 Jahren. Der Arzt Dr. Müller stellte fest, dass in sehr armen ländlichen Familien häufig Inzucht besteht und dass dadurch auch mehr Kinder mit Beeinträchtigungen als anderswo geboren wurden. Diese Kinder mit Behinderungen hatten überhaupt keine Chancen.

Es ging ihm um die Zukunft dieser Menschen. Deshalb begründete er Wohnmöglichkeiten mit der Chance, auch arbeiten zu können. Später lernte er, dass die Ursachen für Behinderungen sehr unterschiedlich sind, aber er wollte den Menschen Chancen und Perspektiven geben. Schließlich fand sich immer Geld.

Beispiel Herrnhuter Schulen

Noch ein letztes Beispiel aus meinem Erfahrungshintergrund: die Evangelischen Zinzendorfschulen in Herrnhut. Ca. 10 Jahre nach der politischen Wende in der ehemaligen DDR wollte der Landkreis Görlitz das Gymnasium in Herrnhut aufgeben, das es schon in DDR-Zeiten gegeben hat. Immer mehr Menschen wanderten aus der Region ab. Es gab weniger Geburten. Es gab gute Gründe,  das Gymnasium aufzulösen.

Die Kirchenleitung in Herrnhut wollte in dieser Umgebung, die fast völlig entkirchlicht ist, an ihre alte Tradition als Bildungsträger anknüpfen. Es fehlte das Geld. Unterstützung gab es aus Süddeutschland. Und wir haben mit einem Stiftungskapital von 50 000,- Euro die erste Klasse in einem Fabrikgebäude eröffnet.

Menschen zugewandte Atmosphäre in Menschen abweisender Umgebung

Heute, nach 20 Jahren, haben die Zinzendorfschulen einen der interessantesten Schulcampus mit an die 700 Schülerinnen und Schüler, der in Sachsen als Leuchtturm gilt. Die 20-jährige Geschichte begleitet ununterbrochen die Sorge um den finanziellen Bestand und es waren auch Phasen, in denen die Insolvenz drohte. Aber wir setzten alles daran, die Schule zu erhalten und zu entwickeln.

Selbst die Lehrerschaft bringt bis heute finanzielle Opfer. Jedoch lernen die Schülerinnen und Schüler durch die beispielhaft menschenzugewandte Atmosphäre, durch die Inhalte, vor allem auch bei der religiösen und politischen Bildung, neue Alternativen zu der Umwelt kennen, aus der sie kommen.

Im Landkreis Görlitz wohnen die mit am häufigsten rechtsradikalen Bürger in Deutschland. Die Schülerschaft erlebt in der Schule Veränderungen, die sie von Hause aus häufig nicht erfahren hätten. Es geht um den Menschen!

Engagement und Resonanz beim Jubiläumsfest

Am vergangenen Freitag feierten wir ein Jubiläumsschulfest, zu dem gar nicht so groß eingeladen wurde. Ich war fasziniert von dem Engagement der Schülerschaft und Lehrerschaft. Die Leitung musste nichts tun zur Vorbereitung. Mehrere tausend Menschen kamen im Laufe des Festes, trotz schlechten Wetters.

Die Schülerinnen und Schüler hatten nicht nur Kuchen gebacken. In den Klassenzimmer wurden Projekte vorgestellt. Im Freien stellten sieben Geschäfte  aus der Region ihre Stände mit Getränken und Speisen auf. Die Polizei unterhielt einen Infostand, ebenso die Freiwillige Feuerwehr. Es war ein rauschendes Fest, vorbereitet und durchgeführt von der schulischen Basis. Ach, Mensch!

 

Klaus-Dieter Kottnik sowie Blick ins Publikum während Feierstunde 20 Jahre, 2026

 

Wo Diakonie hingeht

Was kann dieses Anknüpfen an die Anfänge für uns und unsere Perspektiven als Diakonie bedeuten? Primär muss sein: es geht uns nicht zuerst um uns und unsere Existenz, sondern es geht uns darum, für die Menschen da zu sein. „Der Mensch im Mittelpunkt“ darf nicht nur ein Slogan sein, sondern er muss in allen Belangen ein Leitmotiv. Es geht um den Menschen, der auf Unterstützung angewiesen ist. Dafür sind wir da, wir und unsere Mitarbeitenden.  

Armut, Verzweiflung, Aggressivität

Wir müssen deutlich machen, was es für die auf Unterstützung angewiesenen Menschen bedeutet, wenn Kürzungen durchgeführt werden.  Deshalb ist es gut, dass derzeit auch lautstark protestiert wird, erst in der letzten Woche gemeinsam mit den anderen Trägern der Freien Wohlfahrtspflege, am 23.6. wieder in Berlin. Ebenso sind die Stellungnahmen unserer Diakonie Deutschland wichtig.

In unseren Bahnhofsmissionen können wir einen deutlichen Anstieg von Armut unter unseren Gästen beobachten. Mehr Menschen, die keinen Wohnsitz mehr haben oder ihn gar verloren haben, weil sie ihn nicht mehr bezahlen können, kommen zu uns. Wir erleben mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen und auch Aggressivität, die aus der Verzweiflung gespeist wird. Für diese Menschen öffentlich einzutreten, dafür sind wir auch da.  

Kampagne „Nicht am Menchen sparen“

Die neue Kampagne des evangelischen Fachverbandes für Teilhabe (BeB e.V.) „Nicht am Menschen sparen“, die durch die unsägliche Äußerung des Stuttgarter Oberbürgermeisters ausgelöst wurde, ist der richtige Ansatzpunkt.

Und wir müssen auch in einen Dialog treten mit den öffentlichen Kostenverantwortlichen, wo wir bereit sind, Einsparpotential zu erkunden. Vielerorts sind es ja auch langjährige Erfahrungen miteinander, die Überlegungen im vertrauensvollen Dialog ermöglichen. Dabei zu zeigen, was auch wir von unserer Seite einbringen können.

Ich bedaure noch heute, dass es mir als Präsident nicht gelungen ist, mit ver.di ins Gespräch über unser Tarifrecht zu kommen und möglicherweise neue Vereinbarungen mit Rücksicht auf unsere diakonischen Eigenheiten, wie die Ablehnung von Streiks, ins Auge zu fassen. Mit Frank Bsirske war das leider nicht möglich. Heute könnten die Voraussetzungen mit Frank Wernicke anders sein.

Gemeinsam und ökumenisch handeln

Auch gilt es, sich viel besser ökumenisch abzustimmen und aus der öffentlichen Konkurrenz von Caritas und Diakonie herauszufinden. Ich gebe zu, dass wir da schon weiter waren, als dies heute öffentlich wahrnehmbar ist. Ich bin tief davon überzeugt, dass wir zukünftig immer deutlicher eine gemeinsame kirchliche Stimme in unserer Gesellschaft brauchen, um Wirkung zu erzielen.

Als Bundesorganisation der Bahnhofsmissionen haben wir einen gemeinsamen ökumenischen Verein, in dem mein katholischer Kollege und ich sich sogar den Vorsitz teilen. Wir entwickeln diesen Verein weiter in der Hoffnung, dass wir mit Bahnhofsmission Deutschland einmal in unseren Spitzenverbänden gemeinsam vertreten sind und nicht nur mit unseren Trägerorganisationen.

MuT – Migration und Teilhabe

Kürzlich hat der Fachverband BeB den „8. Mitmenschpreis“ verliehen. Es war beeindruckend, dass sich 103 Projekte mit innovativen Ideen für diesen Preis beworben haben. Er wird schwerpunktmäßig von der Beratungsgesellschaft Curacon finanziert. Besonders eingenommen hat mich der dritte Preis mit Namen MuT des bhz Stuttgart: Migration und Teilhabe.

Die Mitarbeitenden des Projekts begleiten Menschen mit Behinderungen, die Fluchterfahrungen oder Migrationsgeschichte mit ihren Familien haben. Vergleichbares hatte ich noch nicht gesehen. Da geht es erfahrbar um die Menschen - darum, dass sich ihre Familien und sie selbst bei uns zurechtfinden und lernen, welche Hilfen ihnen zustehen.

 

Blick ins Publikum während Feierstunde 20 Jahre SCSD, 2026

 

Ach, Mensch!

Und noch ein letztes ermutigendes Projekt. In Berlin gibt es viele Kirchen, die nicht mehr vollumfänglich genutzt werden. Der SCS-Diakonie macht sich viel Gedanken über zukünftige Verwendungen. Selbst in meinem gut bürgerlichen Stadtteil Berlin Lichterfelde weist der Gottesdienstbesuch selten mehr als 40 Gemeindeglieder sonntags aus. Man könnte ihn in einer kleinen Kapelle abhalten, die auch zur Gemeinde gehört.

In Berlin-Kreuzberg ist das noch drastischer. Es gibt in diesem Stadtteil zu viele evangelische Kirchen. Noch scheut man sich, über ein Gesamtkonzept nachzudenken.

Kreuzberger Taborkirche offen für Wohnsitzlose

Jedoch hat sich in der schönen alten Taborkirche im Kiez ein Kreis von Ehrenamtlichen gefunden, der in der Winterzeit an zwei Tagen Begegnungs – und Übernachtungsmöglichkeiten für wohnsitzlose Menschen anbietet. Mittlerweile sind es mehr als 20 Ehrenamtliche, die diese Arbeit weiterentwickeln wollen.

Wir denken derzeit mit der Berliner Stadtmission nach, ob im kommenden Winter die Arbeit auf fünf Tage ausgeweitet werden kann. Nur der Gemeindekirchenrat zögert noch.  Es ist eine Initiative, die aus der Gemeinde kommt und nun an das professionelle Knowhow der Stadtmission anknüpft. Die Stadtmission berät und wird möglicherweise das hauptsächlich von ehrenamtlichen Menschen und der Kirchengemeinde getragene Projekt federführend übernehmen. Ach, Mensch!

Potential eines Christ-Seins mit Zuversicht

Mir geht es darum, dass wir uns von den großen Schwierigkeiten, in denen auch unser gesellschaftliches Leben derzeit steckt, wo wir uns allesamt unklar sind über die weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen, nicht lähmen lassen. Pessimismus und Depression angesichts gesellschaftlicher Verhältnisse muss nicht das sein, was Christen heute auszeichnet.

Ich glaube, wir haben in unserer Kirche, in unserer Diakonie und in unserer Gesellschaft genügend Potential, um neue Wege zu gehen, zugunsten von Menschen. Wege, die nicht vom Pessimismus und der verbreiteten schlechten Stimmung diktiert werden, auch nicht angesichts der riesigen Probleme, die wir erkennen oder vielleicht noch befürchten müssen.

Wir sollten uns die Zuversicht und das Vertrauen nicht nehmen lassen. Es ist eine gute Zeit, Psalm 91 aufleuchten zu lassen:

„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe...“ und wenig später heisst es: „ ...dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor dem Pfeil, der des Tages fliegt…“

Nicht erschrecken! Ach, Mensch!


Klaus-Dieter Kottnik

Berlin im Juni 2026

Klaus-Dieter Kottnik
Pfarrer, Mediator, SCSD-Mitglied
 
Vorstand Evangelische Bahnhofsmissionen
Vorsitzender des Kuratoriums der Stephanus-Stiftung
Berater der Diakonie Polen
Präsident der Diakonie Deutschland (2006-2010)