Diakonie Dialogreihe
Zukunft Berlin | Der Bürger:innen-Talk
Die Berliner:innen werden am 20. September 2026 wieder wählen: das 20. Abgeordnetenhaus und zugleich zwölf Bezirksverordnetenversammlungen. Wie stets vor Wahlen diskutieren Kandidat:innen und Parteien mehr als sonst im Saal und auf der Straße ihr Profil und Programm.
12 Monate lang bis zu den Wahlen
An dieser städtischen Debatte beteiligt sich die Diakonie Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz diesmal mit der Kampagne "Gemeinsam mehr erreichen". Sie fragt:
"Was ist eigentlich gut und notwendig für unsere Stadt? Welche Zukunft wollen wir für jeden einzelnen Menschen in unserer Stadt? Was wäre, wenn wir das Soziale nicht gemeinsam aufgeben, sondern in den nächsten Monaten echte, nachhaltige, gute Lösungen ausloten?"
Jeden Monat in einem anderen Stadtbezirk
Vom Herbst 2025 an lädt die Landesdiakonie (DWBO) engagierte Bürger:innen, kommunale Politiker:innen und lokale Fachkräfte aus sozialen Dienst ein, sich über scheinbar unlösbare Herausforderungen auszutauschen, wie
Stadtarmut, Pflege, Jugendhilfe, Wohnen und soziales Bauen, Integration, inklusives Stadtleben, Ehrenamt, Demokratie und Gesundheitsversorgung.
Neben dem Bürger:innen-Talk plant sie eine Diakonie-Promotion aus Kurzaktionen, einen sozialpolitischen Monitor ("Was Bürger bewegt"), einen Sozial-O-Mat ("Wen wähl' ich bloß?") und parlamentarische Frühstücke.
Neukölln

Berlin ist Heimat für Menschen aus mehr als 180 Nationen. In Neukölln hat fast jede_r Zweite eine familiäre Zuwanderungsgeschichte. Vielfalt prägt das Stadtbild.
Doch sie stellt das soziale Gefüge vor große Aufgaben.
Zugewanderte sind überdurchschnittlich häuft mit Armut, ungleichen Bildungschancen, erschwertem Zugang zu Wohnraum, Arbeit und Gesundheitsversorgung konfrontiert.
Schulen, Kitas und soziale Träger leisten einen Großteil der Integrationsarbeit - oft unter herausfordernden Bedingungen und mit begrenzten Ressourcen. Gleichzeitig existieren Orte des Zusammenhalts: in Vereinen, Begegnungsstätten und diakonischen Einrichtungen.
Integration ist mehr als Spracherwerb. Sie zielt auf Chancengleichheit, gesellschaftliche Teilhabe und aufs Dazugehören.
Zukunft Berlin "Integration" fragt:
Braucht die Stadt Zuwanderung - für seine Wirtschaft, Kultur und Zukunft? Wie funktioniert soziale Teilhabe über Arbeit und Bildung? Welche Verantwortung tragen Wirtschaft und Politik?
Und was braucht Berlin, damit Vielfalt nicht trennt, sondern verbindet?

Moabit

Fast ein Drittel aller Berliner_innen - 800.000 Menschen - engagieren sich ehrenamtlich: in Sportvereinen, im Naturschutz und vor allem im sozialen Bereichen. Sie unterstützen diakonische Arbeitfelder für wohnungslose Menschen, in der Pflege, der Telefonseelsorge, in der Jugend- und Altenhilfe, Migration und Integration, beim Bevölkerungsschutz.
Zukunft Berlin "Ehrenamt" fragt:
Sind Ehrenamtliche Retter des Sozialstaats, wenn die Landesfinanzierung für soziale Dienste versiegt? Sollen wichtige Aspekte des gesellschaftlichen Lebens ausschließlich von Freiwilligen verantwortet werden? Schätzen wir Ehrenamtliche ausreichend wert?
Kann Berlin sicherstellen, dass Freiwillige psychisch und physisch geschützt werden? Welchen Einfluss hat es auf das soziale Leben, wenn das Interesse der Bürger_innen an ehrenamtlichem Engagement sinkt? Können alle aus der Stadtgesellschaft aktiv werden, die es möchten?

Lichtenberg

Jugendliche waren nicht gekommen. Junge Erwachsene schon, vor allem solche, die beruflich oder politisch der Jugendarbeit verbunden sind. Folglich dominierte ihre Perspektive den abendlichen Gedankenaustausch.
Kinder und Jugendliche politisch einbeziehen
Dennoch erinnerte das Plenum daran, dass es geübte Praxis ist, mit Jugendlichen zu reden, nicht über sie. Was Elif Eralp (Die Linke) und Steffen Krach (SPD) aufgriffen und gleichsam sich selbst ermahnten, Jugendparlamente und andere Formate konsequent zu nutzen, um junge Leute in politische Entscheidungen einzubeziehen.
So wirken sie bereits jetzt an den Jugendförderplänen auf Landes- und Bezirksebene mit, die alle vier Jahre aufgestellt werden (Jugendfördergesetz, 01.01.2022).
Entsprechend könnten helfen, sich dafür starken zu machen, dass die Berliner Bezirke sinnvolle Projekte für ganz Berlin gemeinsam forcieren, ohne dass sich jedes Rathaus einzeln mit eigenen Vorhaben zu profilieren sucht.
Projektmittel transparent vergeben
Vielleicht würden sie sich ebenso in ein Verfahren einbringen, das Steffen Krach vorschwebt. Danach sollten Gremien und Behörden nicht für sich allein Förderanträge absegnen oder ablehnen, sondern zunächst ihre Kriterien mit den Betroffenen abstimmen.
Gerade, weil sich nicht investive Ideen wieder einmal an knapper werdende Etats anpassen müssen, wo doch schon normalweise Spielräume frei verfügbarer Mittel für alle Kommunen vergleichsweise klein sind.
Das bekommen jahrein jahraus jene freien Träger zu spüren, die miteinander um öffentliche Förderungen konkurrieren. Auch für den, der sie erhält, reichen sie oft nicht, obendrauf die Inflation auszugleichen. Weshalb die SozDia-Stiftung kürzlich drei Jugendzentren geschlossen hat, die anhaltend Verluste erwirtschafteten.
Energisch wies dabei Vorstand Michael Heinisch-Kirch das selten laut ausgesprochene Ansinnen zurück, die „freien“ Anbieter mögen doch vermeiden, ihre Angestellten nach Tarifvertrag zu vergüten.
Jugendarbeit als Querschnittsthema verstehen
Andererseits sieht sich die bezirkliche Geberseite selbst im Dilemma, entweder mehr Initiativen teilweise oder wenige vollständig zu finanzieren. Transparenz und Partizipation nehmen Entscheidungen zwar nicht die Härte, erleichtern aber die Akzeptanz.
Das Ringen um begehrte Finanzen und nachhaltige Lösungen sitzt der Jugendarbeit mehrfach im Nacken, bildet sie doch Schnittmengen mit anderen „umkämpften“ Politikfeldern wie Armut und Familie, Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt, Wohnen.
Bei der gemeinschaftlichen Aufgabe, einkommensschwachen Familien preiswerte Wohnungen zu bieten, hätten sich die Parteien allesamt in der Vergangenheit nicht mit Ruhm bekleckert, räumte Steffen Krach freimütig ein.
Wohnraum für junge Erwachsene reservieren
Für ältere Jugendliche und junge Erwachsene, die von der Jugendhilfe betreut werden oder ihr entwachsen, reiche beispielsweise ein Mietendeckel (Elif Eralp) nicht aus. Es brauche ein reserviertes Raumkontingent, so Michael Heinisch-Kirch, um ihnen eine erste eigene Wohnung zu vermitteln, statt sie überlang ans Heim oder ans betreute Wohnen zu binden, gar in die Odachlosigkeit zu entlassen.
Auch für den Wechsel von der Schule in den Beruf wünscht sich Steffen Krach mehr Initiative. So empfiehlt er den Betrieben, sich zu überlegen, wie und wo sie am besten künftige Auszubildende „abholen“, etwa persönlich im Jugendclub oder in der Schule ansprechen könnten.
Darüberhinaus ermuntert Dorothee Wetzler-Stöbe als Vorständin der Bürgerstiftung Berlin die Wirtschaft der Hauptstadt, sich stärker in der Jugendarbeit zu engagieren. Das gelänge allerdings besser, wenn die Fachbereiche der Jugendhilfe selbstbewußter positive Geschichten erzählten.
Mehr Engagement der Wirtschaft gefordert
Es mache ja Spaß, ergänzt Michael Heinisch-Kirch, zu beobachten, wie sich ein Kind aus der Kita über Jahre selbst zu einer Erzieherin entwickele oder wie sich ein Mitglied einer Wohngruppe zum Elektriker für Solaranlagen qualifiziere.
Medienkompetenz beispielsweise habe die Bürgerstiftung zu einem Schwerpunktthema gemacht, weil sie für alle, für Jung und Alt, für Gesellschaft und Demokratie wichtig sei (Dorothee Wetzler-Stöbe). Letztlich benötige erfolgreiche Jugendarbeit nämlich eine starke Zivilgesellschaft (Michael Heinisch-Kirch).
Sei sei kein Luxus, sondern ein Muss (Elif Eralp). Jeder Euro zahle sich zehnfach aus. Weshalb an Kindern und Jugendlichen nicht gespart werden dürfe (Steffen Krach) - eigentlich ...

Friedrichshain-Kreuzberg

Auf den Bänken saßen mehr Frauen als Männer. Mehr Expert:innen sozialer Dienste als interessierte Bürger:innen aus der Nachbarschaft.
Zu beiden Gruppen zählen die "Stadtteilmütter", an diesem späten Dienstagnachmittag links vorn in der zweiten Reihe des Kirchenschiffes. Sie kümmern sich nämlich nicht nur um die eigene Familie, sondern beraten andere Eltern und stärken ihnen so den Rücken.
Von Stadtarmut in Berlin mußte man diesem Publikum nichts erzählen. Nicht davon, dass sich an den Ausgabestellen der Berliner Tafel zunehmend Menschen einfinden, die sich selbst als Mittelstand ansehen.
Sie hätten sich, berichtet Gründerin Sabine Werth, wirtschaftlich nicht von der Pandemie erholt. Mal seien Ersparnisse aufgebraucht, weil der alte Job verloren blieb, insbesondere in einem Alter über 55 Jahre.
Armut grenzt aus
Mal reiche selbst ein Arbeitseinkommen nicht aus. Schließlich sind die Lebensmittel wie das Heizen teurer geworden, nachdem die Mieten schon weitaus länger ansteigen. Das bringt alle jene an ihre Grenzen, die sowieso als armutsgefährdet gelten, etwa Alleinerziehende oder Geflüchtete.
Finanzielle Not, auch eine, die vorübergeht, grenzt aus, überfordert und macht psychisch krank. Darunter leiden nicht nur Erwachsene, sondern über sie Kinder und Jugendliche. Deren Chancen stehen auf dem Spiel.
Natürlich hängen sie nicht allein vom Geld. Daran erinnerte Sozialsenatorin Cansel Kizitepe. Es seien ihre Eltern gewesen, die sie dabei unterstützt hätten, allen Widrigkeiten zum Trotz ihren Weg über das Gymnasium und die Hochschule zu einem Beruf und in die Politik zu gehen.
Erfolgsgeschichten tun gut, als Hoffnung und Vorbild. Und natürlich regen sie an, das sozialpolitische Doppel aus Fördern und Fordern zu rechtfertigen, wie Stadtrat Max Kindler tat. Auch wenn soziale Leistungen und Jobs zu niedrigen Löhnen helfen, das Existenzminimum zu sichern, führen sie für sich allein nicht aus der Armut heraus.
Generalverdacht spaltet
Weshalb die angekündigte Reform des Bürgergeldes, ehedem als HartzIV beschimpft und vielleicht demnächst zur Grundsicherung ge"labelt", in der Kreuzberger Passionskirche keinen Funkenflug an Vorschlägen auslöst. Zumal die Novelle am Ende vergleichsweise kleine Stellschrauben bedienen bedürfte. Und voraussichtlich nicht durch die Größe des Wurfes überraschen wird.
Jene, die sich im Diakonie-Talk zu Wort meldeten, machten einen gänzlich andern Punkt. Sie ärgern sich über den verächtlichen Sound, der solche Debatten von vorneherein negativ prägt.
Der wiederkehrende Lärm um nicht kooperative Sozialhilfeempfänger, der Generalverdacht der Bessergestellten gegenüber den Schwachen würde die Gesellschaft einmal mehr spalten, Wut und Enttäuschung tief in Seelen einschreiben.
Mithin traf der provokative Slogan "weder faul noch sexy", der über dem Altarraum schwebte, exakt die Stimmung. Mitarbeitende der Diakonie erleben Hilfesuchende anders, als denen unterstellt wird, nämlich als verantwortungsvoll, kämpfend und helfend.
Warum aber haben sozialschwache Bürger:innen keine Lobby? In seiner Antwort beugte Dr. Kai Lindemann vom Arbeitslosenzentrum Illusionen vor. Zwar seien ihnen existentielle Notlagen gemeinsam, nicht aber persönliche Interessen, um wirksam politisch auftreten zu können.
Sozialstaat stärkt
Derzeit gehe es um viel, wird der Präsident von Diakonie Deutschland einen Monat später auf der Mitgliederversammlung des DWBO im Wedding warnen. Denn Rüdiger Schucht sieht den Sozialstaat unter Druck, sich zu verändern, weil künftig weniger Geld zur Verfügung stehen werde.
Die Diakonie verweigere sich dieser Einsicht nicht. Wohl aber möchte sie von der Politik gehört werden, wie finanzielle Mittel besser ausgegeben werden könnten.
Gleichzeitig betonte er, dass ein verlässliches soziales Netz kein Luxus sei, sondern die Basis von Demokratie und Gesellschaft. Sie ruhe gleichgewichtig auf den Säulen äußerer, innerer und eben sozialer Sicherheit.
Im aktuellen Klima aus Abwertung und Ausgrenzung werde auch die frei Wohlfahrtspflege angefeindet, weil sie für das Subsidiaritätsprinzip einstünde, das von seinem Wesen her demokratisch und antiautoritär angelegt sei.
In der Kreuzberger Passionskirche gab schließlich noch gute Neuigkeiten für den sozialen Alltag. Den "Stadtteilmüttern" versprach die Sozialsenatorin, dass es Berlin künftig möglich sei werde, langfrist angelegte Projekte auch mehrjährig finanziell zu fördern.
Und der Jugendstadtrat machte auf zwei neu geschaffene Erstanlaufstellen für materielle Hilfen und für soziale Wohnhilfe des Bezirkes Friedrichshain-Kreuzberg aufmerksam.
